In der Provinz Shaanxi

Bereits nach Jishan in der Provinz Shānxī wechsele ich in die Provinz Shaanxi. Die beiden benachbarten Provinzen werden schnell verwechselt, da sich die Aussprache der Namen nur im Ton der ersten Silbe unterscheidet. Chinesische Sprache – schwere Sprache! Ich bin in den Qingling Bergen, wo es Pandabären in freier Wildbahn gibt. Ihnen außerhalb des Foping-Schutzgebiets zu begegnen ist aber mehr als unwahrscheinlich.

Wasserfall in den Qingling Bergen

Wasserfall in den Qingling Bergen

Es ist trotzdem ein schöner Tag.  Der Himmel ist blau, das Wetter ist toll, und ich brauche keinen Mundschutz. Aber die Strecke ist schwer zu fahren, denn es sind einige Schiebekilometer dabei. Aus einem Tunnel kommt mir ein Radfahrer aus der Schweiz entgegen. Trotz der recht kühlen Temperaturen besonders im Tunnel fährt der 58jährige Victor, der seit einem Jahr unterwegs ist,  mit kurzer Hose. Leider können wir uns nicht weiter unterhalten, denn von hinten kommen etwa 15 Einheimische mit Mountainbikes und – weil sportlich unterwegs – sogar mit Helmen auf dem Kopf!  Eine Traube bildet sich um den Schweizer und mich; die Chinesen  spielen Musik, tanzen und freuen sich, dass sie zwei Tourenradfahrer „aus der anderen Welt“ treffen. Keiner spricht Englisch. Wir lächeln in die Kameras, halten den Daumen hoch, kommen aber leider nicht ins Gespräch. Viel lieber würde ich mit dem Schweizer zusammen eine Pause machen …

Eingerahmt von chinesischer Mountainbiker Gruppe

Eingerahmt von chinesischer Mountainbiker Gruppe

Nach dem Durchqueren des Tunnels geht die Post richtig ab, denn es rollt über Kilometer bergab. Ich mache nun die geplante Pause allein, und die Chinesen fahren winkend an mir vorbei.

Wohnen auf dem Land

Wohnen auf dem Land

Familienmoped mit Kindersitz für bis zu vier Personen

Familienmoped mit Kindersitz für bis zu vier Personen

In den nächsten Tagen fahre ich immer wieder Achterbahn, denn es geht in ständigem Wechsel bergauf und bergab. Zwischendurch muss ich kilometerweit schieben, weil es zu steil ist! In Shangan folgt mir ein Mann per Rad und will mich zu einem Hotel bringen. Er ist um die Dreißig, spricht ganz wenig Englisch, hilft beim Einchecken und will mit mir essen gehen. Nach 110 Kilometern Tagesstrecke brauche ich jedoch erstmal ein bisschen Zeit für mich. Ich muss zuerst duschen, denn die Lkw wirbeln viel Staub auf, wenn auch kein Kohlenstaub heute, sodass die Brille reichte. Mein Begleiter macht noch das obligatorische Foto von uns beiden, lässt seine Telefonnummer und seinen Namen da für weitere Hilfe und entschwindet. Puh, kurz skypen, duschen, essen, Fahrziel für morgen ermitteln, schlafen, in genau dieser Reihenfolge! Eine Stunde später klopft es jedoch an der Tür: davor steht der Mann von vorhin und informiert mich, dass es morgens keinen Kaffee geben wird. Deshalb hat er mir eine Tasche mit Tee zum Aufbrühen gebracht, den er extra für mich gekauft hat. Er möchte ihn sich aber nicht bezahlen lassen, da es sich um ein Geschenk handelt!

Tee für mich

Tee für mich

Während der Weiterfahrt nach Xixia komme ich wieder einmal an einem der seltenen Straßenschilder vorbei, auf denen ich mehr als nur die Kilometerangabe lesen kann.

Nur 1264 Kilometer bis Shanghai

Nur 1264 Kilometer bis Shanghai

Neue Brücke nach Xixia

Neue Brücke nach Xixia

Pilze werden zum Trocknen ausgebreitet

Pilze werden zum Trocknen ausgebreitet

Typischer Straßenverkaufsstand, typisch asiatische Sitzposition (Mann rechts)

Typischer Straßenverkaufsstand, typisch asiatische Sitzposition (Mann rechts)

Hotelservice

Hotelservice

Das ist schon etwas skurril hier. In jedem Hotel hinterlegt man ein Deposit für zusätzlich In-Anspruch-Genommenes, und das Angebot geht deutlich über eine Minibar hinaus …

Windelfreies Kleinkind

Windelfreies Kleinkind

Kleinkinder tragen in der Regel keine Windeln, sondern haben eine unverschießbare Öffnung im Hosenschritt.  Praktischerweise hält man das Kind dann im Bedarfsfall einfach irgendwohin, und dann, na ja … In Xixia esse ich abends draußen im Freien, denn es ist recht warm. Der Kellner versteht mich nicht; er verlässt das Lokal, um jemanden zu holen, der Englisch spricht.  So lerne ich David kennen. Die Chinesen, die Englisch sprechen, stellen sich meistens mit einer englischen  Adaption ihres Vornamens vor. Als ich David auf seine Frage, was ich gern zu essen hätte, von knochenfreiem Hühnchenfleisch mit Gemüse, Nüssen und Nudeln erzähle, bestellt er für mich genau das. Klasse, denn ich habe mich in den Vortagen aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten überwiegend durch Knochenabknabbern und Reis ernährt! Ob ich Nudeln mit Stäbchen essen kann, möchte er wissen. Als ich verneine, verschwindet  David und kommt nach einem Augenblick mit einer Gabel zurück, die er in einem Supermarkt für mich gekauft hat. Nach dem Essen trinken wir ein weiteres Bier zusammen und kommen ins Gespräch. David ist 35 Jahre alt, hat Frau und Kind und arbeitet als Lehrer. Wissbegierig befragt er mich zu Details meiner Reise. Interessanterweise haben wir eine gemeinsame Haltung zu der starken Umweltverschmutzung hier vor Ort. Er lädt mich ein, seine Schule anzusehen, was aber aufgrund eines Examens erst zwei Tage später möglich ist, und da werde ich schon wieder unterwegs sein. Als ich Essen und Getränke bezahlen will, entschuldigt er sich, er hätte das bereits getan! Über die große Gastfreundlichkeit, der ich in diesem Land begegne, kann ich immer wieder nur staunen. Ich bekomme Davids Telefonnummer für weitere Unterstützung, und wir verabschieden uns sehr herzlich voneinander. Am Folgetag fahre ich die ersten zwanzig Kilometer mit Regensachen. Meine Mittagspause in einer Kleinstadt mache ich auf einem freien Platz auf einer kleinen überdachten Sitzmöglichkeit. Keine Menschenseele ist da, und ich freue mich auf eine ruhige kurze Auszeit. Da kommt eine Verkäuferin aus einer Sanitärhandlung und fordert mich auf mitzugehen. Als ich ihr nicht folge, kommt sie zurück mit einer Kanne heißen Wassers, das sie in meine Isolierkanne schüttet. Leider ruiniert das meinen grünen Tee vollends. Sofort stoßen weitere Personen hinzu, die sich für ein Foto hinter mich und ihre Kinder auf die Bank neben mich stellen. Oh Mann, ich will doch nur was essen und trinken! Da kommt die Sanitärhändlerin zum dritten Mal, diesmal mit einem Zettel, auf dem ich in englischer Sprache lese, ob sie ein Foto mit mir in ihrem Laden bekommen kann. Na klar, das gehört inzwischen zu meinen leichteren Übungen! Drinnen im Laden stehen vier Ausstellungstoiletten in Reihe, und für das Foto setze ich mich auf eine, biete der Verkäuferin mein Bein zum Draufsetzen an, was sie schließlich tut. Das gibt ein Riesengelächter im und draußen vor dem Laden. Nachdem alle ihre Fotos gemacht haben, radele ich winkend eine Runde um die Leute herum und verlasse diese nun sehr gut gelaunte Gruppe.

Fotoshooting in Sanitärhandlung

Fotoshooting in Sanitärhandlung

Die letzten Kilometer fahre ich mit Mundschutz, weil Fahrzeuge wieder Staub aufwirbeln. Mein Knie macht heute gut mit. Die Anspannung, die ich vor meiner Chinareise aufgrund der vielen Unbekannten hatte, verschwindet, und ich fühle mich wirklich wohl. Nach knapp 90 Kilometern erreiche ich Shengping, eine Stadt mit zahlreichen Steinmetzen.

Steinmetzhandwerk in Shengping

Steinmetzhandwerk in Shengping

Pacific Ocean (angeblich steht das auf diesem Transparent) nennt sich der Mountainbiker Verein, dessen Mitgliedern ich zwei Tage später begegne. Das sind diese gut gelaunten Radfahrer, die mich für ein Foto stoppen und mich einladen, mit ihnen weiterzufahren, denn wir haben dieselbe Richtung.  Ich fürchte aber, sie sind zu schnell für mich und bergan ohne Gepäck eh deutlich im Vorteil.

Mountain-biker

Pacific Ocean Fahrradclub

Ich werde öfter mal nach meinem Alter gefragt, und – unglaublich aber wahr – der junge Mann links im Bild schätzt mich auf 40 Jahre … 😉   Da trete ich doch gleich kräftiger in die Pedale.

Kühlen-der-Bremsen

Solche “wassergekühlten Bremsen” gibt es bei uns nicht.

Abends erreiche ich Xiangyang und mit 138 Gesamtstunden im Sattel den 2000sten Kilometer meiner Chinatour.

6 Gedanken zu „In der Provinz Shaanxi

  1. Christian

    Aloha Frank,
    Du scheinst ja echt gut anzukommen in China.
    Mir wurde erzählt dass Dir das mit dem Essen bezahlen noch häufiger passieren könnte.

    Ich wünsche Dir eine ruhige Fahrt.

    Viele Grüße aus München
    Chris

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    1. Adolf Timmermann

      Hallo, Frank!
      Noch einmal vielen Dank für deine farbfrohen Bilder und die spannenden Bericht über die Terra-Kotta-Armee und die vielen anderen Attraktionen aus good-old-China. Ich habe den Bericht noch einmal gelesen. Etwas ausführlicher über deinen letzten Bericht habe ich mich ja schon in einer-mail-Nachricht geäußert. Diese Antwort heute hat nur den Sinn, zu erfahren, ob ich jetzt wieder „im Blog“ bin. Vielleicht kannst du mir das bestätigen, damit ich in Zukunft wider diese Blog-Verbindung benutzen kann.
      Nun wünsche ich dir weiterhin frohes Radeln, unvergessliche Eindrücke, freundliche und hilfbereit Menschen, wohlschmeckende Speisen, schönes Wetter und ein dreifaches „chain-glieder-Ahoi“.
      Wir freuen uns auf deinen nächsten Bericht.
      In Celle ist heute das April Wetter grrrxyzr?& QQ$brruuhhgrr. Da versäumst du nun leider einiges.
      Viele Grüße von den Wietzenbronxis

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  2. Elke aus Gambia

    Hi Frank,
    wieder mal ein wunderschoener Bericht, ich muss oft schmunzeln, wenn du deine Begegnungen mit den Einheimischen beschreibst. Dein Charme haut sie halt einfach um….;) …..und du darfst ja auch nicht vergessen, dass du der Exote bist in diesem exotischen Land.
    Da du dich beschwert hast, dass meine Hinweise bezueglich Essen nicht grad hilfreich sind, hier mal ein kleiner evtl. wirklich hilfreicher Tipp, obwohl ich glaube, dass du darauf auch schon selbst gekommen bist : wenn du mal in den Genuss kommst, ein tolles Essen nach deinen Vorstellungen zu bekommen wie beim David, lass dir das von deinen chinesischen Freunden aufschreiben, ich denke, damit sind dann irgendwann auch die Verstaendigungsprobleme beim Essen bestellen ausgeraeumt. 😀

    Frank, ich wuensche dir ne schoene und interessante Weiterfahrt und uns noch viele tolle Berichte von dir……jetzt scheint es dir ja richtig gut zu gehen !!!

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  3. Mirja

    Hallo Frank,
    von China bin ich ja echt beeindruckt. Das Land ist mir so was von fremd…das merke ich erst jetzt, wo du davon berichtest. Richtig spannend, Abenteuer am Bildschirm!
    Mama, Papa, Bastian und ich treffen uns Ostern bei Oma. Ich habe ihr mal deine neuesten „Erzählungen“ ausgedruckt und bringe sie ihr mit. Am 06.07. gibt es dann den nächsten Schwung =)
    Liebe Grüße, gute Fahrt und frohe Ostern,
    Mirja

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  4. Ecki

    Hi Franki, hab gerade mit Begeisterung Deine Berichte gelesen. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und das Dein Körper und Seele gesund bleiben. Gott schütze Dich, Dein Ecki

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  5. Andrea Cohrs

    Hallo Frank,
    bin gerade zwei Stunden in China abgetaucht. Dank der super interessanten Berichte und Fotos ermöglichst du uns das mit einem Knopfdruck. Danke dafür! Jetzt weiß ich auch wie man im internationalen Sanitärbusiness „Knie fasst“. :))! Echt lustig. Bei uns laufen alle Planungen auf Hochtouren für unser großes Fest und ganz wichtig…für dich halten wir immer noch ein Plätzchen frei! Ich verspreche dir: keine Knochenknabberei oder Stäbchen und viele Englisch sprechende Leute und (!)eine sehr sympathische und hübsche Tischpartnerin! Na, überleg’s dir nochmal! Lieber Frank, weiterhin so viele spannende Erlebnisse, viel Glück und interessante Begegnungen mit lieben Menschen wünscht dir Andrea

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