Қазақстан – Kasachstan (2)

An der Grenze steuere ich auf kasachischer Seite auf eine neue Menschentraube zu. Der kasachische Grenzer organisiert die Menschen weg vom Zaun, damit ich mein Fahrrad durch die entstandene Gasse an ihnen vorbei nach vorne schieben kann. Das gleiche setzt sich im Zollgebäude fort, unter „Begleitschutz“ eines Beamten.
Keiner der Wartenden ist sauer, keiner meckert. Als Tourist wird man offenbar bevorzugt behandelt. Ich kriege meinen Einreisestempel und mein „Einwanderungsblatt“, mit dem ich mich binnen fünf Tagen bei einer Art Einwanderungsbehörde anmelden muss.  Für diese Grenzabfertigung benötige ich insgesamt nur zwanzig Minuten; meine Sorge war glücklicherweise völlig umsonst.

Der Weg nach Shymkent führt durch wüstenartiges Gelände.

Unterwegs-20-km-vor-Shymkent-

Auf dem Weg nach Shymkent

Shymkent wurde Anfang des 13. Jahrhunderts als Handelsstadt an der Seidenstraße gegründet und ist heute ein bedeutendes Industrie- und Wirtschaftszentrum. Neben Erdölverarbeitung und chemischer Industrie befindet sich hier die größte Brauerei Kasachstans.

Blick-auf-Symkent

Blick auf Symkent

Monument-Shymkent

Modernes Denkmal in Shymkent

Moschee-in-Symkent

Moschee in Shymkent

Eislaufbahn-in-Einkaufszentrum-Shymkent

Eislaufbahn im Einkaufszentrum Shymkent

Auf dem Weg nach Taraz gibt es nur wenige Ortschaften und weit und breit keine Unterkunft, sodass ich wohl erstmals Zelt und Schlafsack nutzen werde.  Ich lande in einem kleinen Dorf. Vor mir liegt ein weiterer Anstieg, ich bin aber bereits ganz kraftlos. Einen jungen Mann, der vor seinem Haus steht, frage ich mit Hilfe von Point it, Gestik und Mimik, ob ich mein Zelt bei ihm auf dem Grundstück aufbauen kann. Er versteht schnell, verschwindet kurz und kommt mit einer älteren Frau – vermutlich seiner Mutter – zurück. Nach einem neuerlichen Erklären nickt die Frau ohne Zögern und zeigt auf einen Platz neben ihrem Haus. Während ich das Gepäck vom Fahrrad nehme, erscheint die Tochter des Hauses und begrüßt mich per Handschlag. Dann schlage ich zügig das Zelt auf, denn es wird bereits dunkel. Beim Essen nutze ich meine Stirnlampe, die bisher nur beim Rasieren in zu dunklen Bädern zum Einsatz kam. Den Inhalt meiner mitgebrachten Fischkonserve balanciere ich mit dem Taschenmesser auf das Brot, das ich unterwegs zusätzlich zu einer Wassermelone und einer Flasche trockenen Rotweins gekauft habe. Noch während ich esse, bringt mir die ältere Frau eine Porzellanschale gefüllt mit Nudelsuppe mit üppiger Gemüse- und Fleischeinlage – hm, die ist wirklich köstlich! Der trockene Rotwein aus meiner Plastiktasse rundet das Mahl ab! Da passt nun wirklich keine Melone mehr rein; ich bin pappsatt!
Die Körperhygiene muss sich heute Abend trotz schweißdurchtränkter Klamotten aufs Zähneputzen beschränken. Ich krieche ins Zelt und versuche eine Mütze voll Schlaf zu kriegen.

Zelten- 87 km vor Taraz

Übernachten knapp 90 km vor Taraz

Am Morgen stehe ich um fünf  Uhr auf und entdecke einen Wasserschlauch, der  offenbar die Hauswasserversorgung darstellt, denn die ältere Frau holt dort mit einem Krug Wasser. Ich wasche mich hier.
Um halb sechs frühstücke ich Dosenwurst auf Brot vom Vortag. Wieder werde ich unerwartet  vor der Frau versorgt. Ich bekomme eine große Tasse Tee mit Gebäck und Bonbons, die man üblicherweise zum Tee reicht. Die Frau begibt sich in ihren Garten, pflückt Äpfel, Birnen und Pflaumen, die sie mir gibt. Inzwischen beherzige ich die Vorgehensweise  Peel it, cook it or forget it  und schäle die Äpfel. Das restliche Obst soll ich mitnehmen. Ich bedanke mich und reiche ihr 2000 Tenge, also etwa 10 Euro. Sie will kein Geld, aber es ist mir wichtig, dass sie es nimmt. Und ich merke, dass sie sich sehr darüber freut, denn sie lächelt und kommt nun ein bisschen aus sich heraus. Sie stellt mir persönliche Fragen, und ich zeige ihr einige Fotos von meiner Familie.
Dann packe ich meine Sachen aufs Rad, verabschiede mich von ihr und fahre um halb sieben weiter. So früh komme ich sonst nie los.
Es geht jetzt erst einmal bergauf. Ich bin auf über 1000 Meter Höhe und sehe im Süden eine Gebirgskette mit schneebedeckten Gipfeln. Das ist vermutlich schon Kirgistan.
Am späten Vormittag mündet der Weg in eine vierspurige Straße mit sehr gutem Belag. Vor mir liegt eine steile, sehr lange Abfahrt mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von sechzig Stundenkilometern. Vor einem Radarmessgerät, das mir auffällt, reduziere ich mein Tempo auf 60 km/h. Anschließend erreiche ich meine aktuelle Höchstgeschwindigkeit von 66 km/h. Die Straße ist astrein, und es besteht keine Gefahr, dass sich die vorderen Packtaschen aus der Halterung verabschieden. Ich überhole einen kleinen Lkw, und wie es hier üblich ist, fahre ich ohne Richtungszeichen rechts vor ihm rüber; mit nur einer Hand am Lenker wäre mir auch grad nicht wirklich wohl.
Heute werde ich tatsächlich sechsmal am zügigen Vorankommen gehindert, denn langsam neben mir herfahrende Autofahrer wollen wieder einmal alles Mögliche über mich wissen. Zweimal muss ich stoppen, da die Fotos von meinem Fahrrad und mir aus dem rollenden Fahrzeug nichts geworden sind. Wieder spüre ich Arme um meine Schulter, Kameras klicken. Ein Handschlag, ein Schulterklopfen und ein Winken im Vorbeifahren, und weiter geht’s. Inzwischen gehört das zu meinem Alltag.

Ich erreiche Taraz am frühen Nachmittag.

Einfahrt-nach-Taraz

Stadteinfahrt Taraz

Kurz vor der Unterkunft bemerke ich, dass der Hinterreifen Luft verliert, fahre aber noch bis zum Hotel. Dort baue ich das Hinterrad aus, schaue bei der Gelegenheit nach der Rohloffnabe und ziehe ein paar Schrauben an der Achsplatte nach. Das Hinterrad nehme ich mit in mein Zimmer. Im Mantel entdecke ich das Corpus Delicti: Ein Stück ganz dünner Stahldraht ragt innen aus dem Mantel und setzt dem Schlauch zu, sodass ein weiterer Flicken her muss.

Die Stadt Taraz hat 400.000 Einwohner und feierte im Jahr 2002 ihr 2000-jähriges Bestehen. Im 5. Jahrhundert lag die Stadt an einer Karawanenstrecke zwischen Europa und China. Sie wurde im 8. und 9. Jahrhundert von den Arabern regiert und im 13. Jahrhundert von den Mongolen verwüstet. 1864 wurde Taraz von Russland annektiert.
Die Stadt liegt an der Turkestan-Sibirischen Eisenbahnstrecke in einem bewässerten Gebiet mit Obstplantagen und Gemüseanbau.

 

Mausoleum2-Taraz

Mausoleum von Karakhan

Neue-Moschee-in-TarazJPG

Moderne Moschee in Taraz

Mausoleum-Taraz

Dauitbek Mausoleum

Unterwegs nach Kulan mache ich auf einem Parkplatz Rast. Ein Lkw-Fahrer, der 34 t Melonen geladen hat und auf dem Weg nach Russland ist, will mir eine Frucht schenken, aber die ist mir zu groß zum Mitnehmen! Sein Beifahrer schneidet die Melone auf und gibt mir eine Hälfte, die ich mitnehmen soll. Die andere Hälfte essen wir gleich gemeinsam.

Melonen-Lkw-nach-Russland

Lkw auf dem Weg nach Russland

unterwegs-nach-Kulan

Landschaft unterwegs

Während der Weiterfahrt stoppe ich bei einem Motorradfahrer, der grad eine raucht, ohne extra den Helm abzunehmen!  Wir kommen ins Gespräch. Er ist auf dem Weg nach Almaty, um mit anderen Motorradfahrern von dort aus zum Issyk-Kul zu fahren. Sie wollen den großen kirgisischen See motorisiert umrunden; ich habe das mit dem Fahrrad vor.

Kasachischer-Motorradfahrer

Motorradfahrer unterwegs zum Issyk-Kul

In Kulan angekommen halte ich bei einem Restaurant, um nachzufragen, ob ich mein Zelt auf dem Hof aufschlagen kann. Oftmals sind nämlich die Restauranttoiletten draußen, so dass ich sie vielleicht nutzen könnte.
Zwei Bauarbeiter, die zum Essen da sind, verfolgen das Gespräch und holen mich an ihren Tisch. Ich trinke ein Bier mit ihnen. Mein Blick fällt durch das Fenster auf den Hof;  da gibt es überhaupt keine Möglichkeit, ein Zelt aufzuschlagen!  Einer der Bauarbeiter telefoniert, und nach etwa einer Stunde marschieren wir zu dritt los zu einem Fußballstadion. Ich kann hier übernachten! Der Platzwart weist mir einen Platz zum Zelten zu, die drei verabschieden sich und ich bin allein.

Abends-im-Stadion

Abendlicher Zeltaufbau im Fußballstadion

Ein etwa acht Meter hoher Wasserbehälter auf einem Metallgerüst steht in dem Stadion, vermutlich zum Rasensprengen. Der Behälter hat ein Leck, unter das ich mich stelle und wasche – wunderbar! Ich fühle mich hier keinen Moment lang unwohl.

Morgens-im-Stadion

Frühstücken im Stadion

Am späten Nachmittag erreiche ich die kasachisch-kirgisische Grenze.

4 Gedanken zu „Қазақстан – Kasachstan (2)

  1. Bianca

    Lieber Frank,

    die Akademixer, mit denen ich heute wieder die Ehre habe zu spielen (in hoffentlich würdiger Vertretung deiner Person), haben mir doch bisher vorenthalten, dass ich dich zumindest virtuell auf deiner Abenteuerreise begleiten kann. Ich bin also erst in Bulgarien…fahr nicht so schnell und gebe weiterhin gut acht auf dich. Ich bin begeistert von den bisher gelesenen Geschichten und werde jede Minute zum Weiterlesen nutzen, damit ich up to date bin.

    Liebe Grüße
    Bianca

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  2. Bianca

    Huhu Frank,

    da bin ich, ab jetzt reise ich mit dir auf Augenhöhe (sozusagen :-). Deine spannenden Berichte und Bilder trieben mich zu Höchstleistungen. Mit Unterstützung von Google Maps bin ich deinen Spuren hinterher geflitzt und habe unterwegs mit dir deine wunderbaren Begegnungen mit Menschen geteilt, habe in Schlammlöchern mit dir gelitten, Hunde verscheucht, die schönsten Gebäude und Landschaften bestaunt.

    Ich bin gerührt von den Menschen, die dir alle so freundlich entgegenkommen und wünsche dir noch viele solcher Begegnungen – bleib gesund und munter für die nächsten Etappen.

    Bianca
    PS Sie haben mich übrigens voll abgezockt das letzte Mal 😉

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  3. Adolf Timmermann

    Hallo, Frank!
    Danke für die eindrucksvollen Fotos aus Kirgistan. Ein Bild kann tausend Worte ersetzen. Die herrenlosen Hunde – Rumänien lässt grüßen. Immer ein paar Steine in der Tasche haben. Über Mangel an Abwechslung kannst du dich kaum beklagen. Es ist beruhigend, dass du immer wieder auf freundliche Menschen triffst.
    Übrigens. Am letzten Freitag traf sich das Kollegium der ehemaligen OS Flöotwedel bei Walter Kloppi. Alles war perfekt vorbereitet. Es wurde auch über dein Abenteuer gesprochen. Anhören und ansehen – alles klar. Selbst erleben – das ist schon was anderes. Walter und Brigitte lassen auf diesem Wege recht herzlich grüßen. Viel Freude und alles Gute weiterhin wünschen
    Adolf und Co aus der Wietzenbronx

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  4. Reinhold Ciminski

    Hallo Frank,
    schön das Du wieder gesund in der Heimat angekommen bis,
    ich kann Dich nur Bewundern, das Du die Ausdauer und den Mut für solch ein
    Unternehmen hast, es ist aber auch für uns schön die vielen Eindrücke mit den Bildern zu lesen, zu sehen !
    Alles Gute von Ulla u. Reinhold

    PS. Vielleicht schaffen wir es ja mal ,das wir uns persönlich darüber unterhalten können.

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