Oʻzbekiston Respublikasi (1)

Mein Schlafplatz im Zug von Kasachstan nach Kungrad in Uzbekistan ist direkt  hinter der Toilette, sodass ich während der Fahrt Gelegenheit habe alle Leute kennenzulernen …
Es gibt türlose Abteile mit jeweils vier Liegen, aber in meinem Abteil schlafen sieben Leute!
In Beyneu/Kasachstan werden Waggons abgekoppelt, sodass ich nun im letzten Waggon bin, und es kehrt etwas mehr Ruhe ein.

im-Zug

Mein Zugabteil

Während der Fahrt kaufe ich Tee und Bananen, um meine kasachischen Münzen loszuwerden. Immer, wenn der Zug hält, kommen Leute herein, die etwas verkaufen wollen. Das sind bestimmt an die 150 Menschen, die nur kurz in den Zug kommen, um Essbares und Anderes anzupreisen. Bei einem tausche ich mein kasachisches Geld und kriege eine Handvoll Scheine, denn ein Euro entspricht 2800 usbekischen Soʻm/UZS. Ich weiß gar nicht, wie ich all dieses Papier, das die hiesige Währung ausmacht, mit dem Fahrrad transportieren soll!

320000-Som-sind-100-Euro

100 Euro wechsle ich in 320.000 So’m

Unterwegs hupt der Zug lang anhaltend, und 15 – 20 Kamele suchen das Weite. Wir sind in der Wüste, und die Kamele leben hier frei. Es gibt nur Sand und niedriges Gestrüpp.
Weil aufgrund der Hitze ununterbrochen die Fenster geöffnet sind, lege ich mich verkehrt herum ins Abteilbett; ich will mich nicht die ganze Zeit der Zugluft aussetzen.

Sonnenuntergang-aus-Zugabteil-Bett-

Blick auf den Sonnenuntergang aus meinem Zugabteil

Anderthalb Stunden vor der geplanten Ankunft gegen halb elf abends beginnen die Leute ihre Sachen in den Gang zu stellen. An meinem Fahrrad wird dauernd die Klingel benutzt.
Da es den Ausgang versperrt, verlasse ich schließlich als erster den Waggon, und es gelingt sogar, alle Gepäckstücke mit hinaus zu bekommen.
Einer meiner Mitreisenden meint, er kenne ein Hotel in Kungrad und erklärt sich bereit, mich dorthin zu führen. Seinen schweren Koffer hievt er auf mein Fahrrad. Meine Güte, ist das hier voll!  Wir schieben uns durch hektische und laute Menschenmassen bis zu einem Taxi, wo er den Koffer abstellt. Er bringt mich zu einer Unterkunft, aber Hotel  kann man das wirklich nicht nennen. Es gibt fließend Wasser in einem Gebäude, die Toilette in einem weiteren und mein Zimmer schließlich in einem dritten; ich habe hier ein Waschbecken, aber kein Wasser! Da kann man nur staunen! Aber für eine kurze Nacht muss das gehen.

2-Toiletten-im-Hotel-ohne-Wasser-und-Tür

Zwei Toiletten nebeneinander, ohne Tür, ohne Wasser

Am nächsten Morgen hält mich hier nichts mehr.
Unterwegs begegne ich einem Melonenverkäufer, dem es doch tatsächlich gelingt, einem Radfahrer eine ganze Frucht zu verkaufen …

Melone-in-Packtasche

Erstaunliches Fassungsvermögen meiner vorderen Packtaschen

Pause-im-Schatten

Pause mit leckerer Melone im Schatten

Kinder-an-Wasserpumpe

Kinder pumpen Wasser für mich

Leider muss ich die schattige Umgebung nur allzu schnell wieder verlassen.
Im Fahrradweltführer Know How steht: „Die öde Wüstenstrecke … westwärts nach Nukus wird wohl kaum ein Radler freiwillig unter die Reifen nehmen wollen.“ Ich tu’s, denn schließlich will ich nach Khiva!
Es ist eine extrem langweilige Fahrstrecke, 60 Kilometer nur geradeaus! Nicht einmal nennenswerte Steigungen …

 

Straße-nach-Khiva

Endlose Straße nach Khiva

Ich sehe vereinzelte Häuser, fahre über 20 Kilometer weit ohne einen einzigen schattigen Baum! Wenn es einen Baum gibt, sitzt garantiert schon jemand darunter im Schatten. Mein rechtes Knie eiert ein bisschen …
Die Grüßerei nimmt kein Ende; es ist genau wie gehabt! Die Menschen freuen sich mir zu begegnen, halten an, fragen mich Where are you from? What’s your name?
Oft habe ich drei, vier etwa dreizehn-/vierzehnjährige Radfahrer als „Begleitschutz“, die ein Stück gemeinsam mit mir fahren wollen; natürlich muss ich sie alle mit Handschlag begrüßen! Manche von ihnen fahren einfach wortlos mit und lächeln mich nur an.

Wüste-per-Rad-hinter-Nukus

Wüste auf dem Weg nach Nukus und Khiva

Irgendwann stoppt ein Kleinlaster mit zwei Männern vor mir. Ich halte auf Höhe der Fahrertür, und der Fahrer reicht – auf eine meiner Wasserflaschen zeigend – 5000 So‘m aus dem Fenster. Ich denke, er will Wasser und  nehme eine Flasche vom vorderen Gepäckträger, die ich ihm reiche. Aber er lehnt das Wasser ab. Stattdessen drückt er mir die Scheine in die Hand, und schließlich verstehe ich, dass ich mir davon kaltes Wasser im nächsten Ort kaufen soll. Ich bedanke mich bei den Beiden und sie verabschieden sich fröhlich per Handschlag. Begeistert winke ich ihnen hinterher – was für überaus freundliche, hilfsbereite Menschen, die selbst nicht viel haben!
Das passiert mir immer wieder; jeden Tag halten sechs, sieben, acht Autos an, und die Leute wollen wissen, woher ich komme, wohin ich will. Einige fragen mich, ob ich etwas brauche.  In den Dörfern kommen Kinder zur Straße gelaufen und winken mit freudestrahlend zu. Oft muss ich Hände „abklatschen“.

Tachostand-5000-km

Kilometerstand 5000

Puh, es scheint hier nur noch schnurgeradeaus zu gehen! Da siehst du wirklich, wo du in einer Stunde bist. Die Hitze ist extrem! Du hast keine Chance, mal einen Schattenplatz zu finden. Wieder einmal fahre ich in Begleitung, diesmal sind es Männer.  Einer von ihnen bringt mich direkt zum Hotel, gibt mir die Hand, lächelt mich mit seinen goldenen Zähnen an und fährt von dannen. Geschafft, endlich bin ich in Khiva, einer Oasenstadt im Nordwesten Usbekistans.

Stadttor Kalta Minor and Ota Darvoza

Stadttor Khiva Kalta Minor and Ota Darvoza

Khiva liegt mit knapp 56.000 Einwohnern an der alten Seidenstraße. Es gibt Textilindustrie – unter anderem Teppiche – und historische Bauten.

Khiva-Minarett-Islom-Xoja

Minarett Islom Xoja in Khiva, 45 m hoch, erbaut Anfang 20. Jhrd.

Durch ihre Lage am Verbindungsweg zwischen Indien und Europa kam der im 6. Jahrhundert n. Chr. gegründeten Stadt eine strategische Bedeutung zu. Nach der Eroberung Khivas durch arabische Streitkräfte 100 Jahre später verbreitete sich der Islam. Auch Dschingis Khan hatte hier seine Finger im Spiel, und durch die häufigen Belagerungen wurden die Befestigungsanlagen der Stadt oft zerstört, aber immer wieder aufgebaut. Khiva ist komplett von einer mächtigen Stadtmauer umgeben.

Stadtmauer-Khiva-Außenansicht

Stadtmauer Khiva

Ich gehe abends essen und bestelle mit Hilfe meines Büchleins Point it. Die Wirtin guckt das Buch gemeinsam mit mir durch. Bei den Meeresfrüchten sind auch Frösche abgebildet, und sie hat einen Heidenspaß daran, mir Frosch anzubieten, den es natürlich nicht gibt. Ich bestelle schließlich Reis, Kartoffeln, verschieden zubereitete Fleischgerichte – sehr schmackhaft!

Stadtmauer-Khiva

Stadtmauer im Abendlicht

einheimischer-Vogel

Einheimische Taube auf einer Leitersprosse

Basar-Khiva

Basar in Khiva

Innenhof-Festung-Koxna-Ark-Iwan

Innenhof Festung Koxna Ark Iwan

Zwei Tage später bin ich in Urganch. Hier erlebe ich „heimische Bankgeschäfte“. Eigentlich will ich nur Dollar in So’m wechseln. Eine Riesentraube Menschen steht in einem nicht klimatisierten Raum schwitzend vor einem Schalter; was für ein aggressives Geschrei!
Ich warte etwa eine Dreiviertelstunde an einem anderen Schalter, unverrichteter Dinge. Es ist unerträglich heiß und stickig hier drin! Ein anderer Kunde merkt, dass ich nicht weiterkomme und geht mit mir hinaus. Puh, endlich frische Luft! Er wechselt meine Dollar, was allerdings verboten ist.
An der Straße esse ich Schaschlik und Salat, und in Nullkommanichts stehen zehn Männer um mich herum und fragen mich nach meinem Rad aus. Eigentlich will ich in Ruhe essen und im Lonely planet lesen, aber daraus wird nichts.

Von Urganch nehme ich erneut den nächtlichen Zug durch die Wüste.  Der fährt über Rom nach Paris, könnte man meinen. Die direkte Strecke führt durch Turkmenistan, und da bräuchten wir allesamt ein Visum, das es – wie überall hier –  nicht so ohne Weiteres gibt. In einem  großen Bogen über Uchquduq erreichen wir Bukhara am frühen Morgen.

Blick-vom-Ark-auf-die-Altstadt

Blick von der Zitadelle auf die Altstadt Bukhara

Ark-Bukhara

Ark Bukhara, Zitadelle, beherbergt in ihrem Inneren den ehemaligen Palast des Emirs sowie eine Moschee von 1712

Bukhara liegt an der Seidenstraße und ist eine der bedeutendsten Städte Usbekistans und Hauptstadt der umliegenden Provinz. Die Altstadt mit ihren Baukunstwerken, darunter zahlreiche Moscheen und Madāris (Islamschulen), gehört seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Stadt hat knapp ¼ Millionen Einwohner und ist eines der bedeutendsten Handels- und Industriezentren Zentralasiens.

Frühstück-im-Hotel-in-Bukhara

Frühstück im Innenhof des Hotels

Bukhara war vom  3. – 7. Jhrd. einer der Stadtstaaten, die vor allem an Fernhandel interessiert waren und zu der Zeit auf dem Höhepunkt wirtschaftlichen und kulturellen Reichtums waren.
Raubzüge muslimischer Araber sicherten in der Folgezeit keine dauerhafte Herrschaft. Es gab in den nachfolgenden Jahrhunderten zahlreiche Versuche der Islamisierung und Aufstände seitens der Bevölkerung.  Erst im 9. Jhrd., als eine persisch-stämmige Dynastie die Herrschaft übernahm, wurde Bukhara Hauptstadt eines mächtigen Reiches, ein blühendes Zentrum von Handel und Handwerk sowie ein geistiger Pol des Islams im Osten.
1220 zerstörten die Truppen Dschingis Khans die Stadt größtenteils. Zu Zeiten Abdullah II. im 16. Jhrd. entstanden zahlreiche Baudenkmäler, die das Stadtbild bis heute bestimmen.
Das Emirat Bukhara bestand innerhalb des Russischen Reiches fort bis zur Besetzung durch die Rote Armee während des russischen Bürgerkrieges 1920. Bei schweren Kämpfen sollen dabei 75 % der Stadt zerstört worden sein.
Usbekistan wurde am  1. September 1991 ein unabhängiger Staat.

Mir-i-Arab-Medressa

Miri-Arab Madrasa, Islamschule; die einzige Madrasa Zentralasiens, die bis heute ununterbrochen ihrem Zweck dient

Mir-i-Arab-Medressa1

Innenhof Miri-Arab Madrasa

Minarett-in-Bukhara

Kalon-Minarett

Ismail-Samani-Mausoleum

Das Ismail-Samani-Mausoleum aus dem 10. Jahrhundert ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt.

Bolo-Khauz-Moschee-13.10-Uhr-Gebet-bei-gesperrter-Straße

13 Uhr Gebet in der Bolo-Khauz-Moschee – die Straße wird solange gesperrt

Giebel

Prachtvoller Eingang

Char-Minar-Bukhara

Vor dem Tor der Madrasa Chahor Minor

Teppichproduktion

Bukhara-Teppichproduktion: Für das Größenverhältnis s. Person rechts im Bild

 

3 Gedanken zu „Oʻzbekiston Respublikasi (1)

  1. Silke feltrup

    Hallo Frank,
    Katrin hat mir den Link zu deinem Blog gegeben und ich habe alles verschlungen. Was für eine Reise! Und was für eine Leistung!
    Ohne Blog oder Tagebuch wäre die Fülle der Eindrücke bestimmt nicht zu bewältigen, oder?
    Viele schöne Begegnungen, Kraft und Freude für deine weitere Fahrt,
    Silke

    Antworten
  2. Schatzis Gitti u. Walti

    Lieber Frank,

    hallo, „alter“ Weltenbummler! Gerade haben wir Deinen Bericht über Kasachstan u. Usbekistan angesehen. Was Du dort zu sehen bekommst und mit anderen Menschen erlebst, ist schon sehr beeindruckend! Apropos: Was sagt eigentlich Dein Allerwertester zu den einigen tausend Kilometern auf ‚m Sattel – ist er auch im wahrsten Sinne b e e i n d r u c k t (kleiner Scherz)?
    Bleib weiterhin gesund und fit. Wir wünschen Dir noch viele interessante Erlebnisse und Begegnungen sowie eine reibungslose (in doppeltem Sinne – s.o.) Fortsetzung Deiner Reise. Wichtiger Auftrag: Hin und wieder die „Internationalen“ memorieren, damit Du bis November Doko-fit bleibst.

    Herzliche Grüße auch von der „Ersatzbank“ (Bianca)

    Brigitte u. Walter

    Antworten
  3. Timo KRASS

    Hallo Frank,

    wir hatten noch 2 tolle Wochen in Usbekistan (Jurten, Wüste, Baden….). Nils und Lisa haben super mitgemacht. Leider sind wir auf dem Rückflug alle etwas krank geworden.
    Bei uns geht am Monatg wieder der Alltag los (Schule, Schule…..). Ich hoffe, dir geht es gut und dein
    Fahrrad bringt dich bis ans Ziel.

    Viele liebe Grüsse aus Dolomieu (Nähe von Lyon)

    Timo

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

55 + = 65