Auf dem Jangtsekiang – von Yíchāng 宜昌市 nach Chongqing 重庆

Ab Yíchāng besteht die Möglichkeit, per Schiff den Yanghze stromaufwärts zu fahren, und das ist meine Richtung. Allerdings sind diese Schiffe eher nicht ausgelegt für die Mitnahme von Fahrrädern.
Nach gut 70 Fahrradkilometern im Regen, bergauf und bergab im Wechsel, liegt Yíchāng unter einer Smoghaube vor mir, sodass von der Stadt nicht viel zu sehen ist. Ich suche das Hotel, das im Lonely Planet empfohlen ist.
Es ist bereits 18.30 Uhr, als ich dort einchecke und sogleich um Hilfe für das Buchen des Schiffstickets bitte. Die Wirtin telefoniert umgehend und gibt den Hörer an mich weiter. Das Schiff ist für den Folgetag leider schon ausgebucht, aber für denselben Tag kann ich noch einen Platz bekommen. Da ich noch keinen Fuß in das Hotelzimmer gesetzt habe, werden mir die 400 Yuan Deposit für das Hotel freundlich lächelnd in die Hand gedrückt, ich gebe den schon erhaltenen Zimmerschlüssel wieder ab und werde mit einem Kleinbus samt Fahrrad und Gepäck in einer halbstündigen Fahrt zum Schiff gebracht. Puh, die Strecke noch mal eben mit dem Rad zu fahren, hätte ich heute Abend nicht mehr geschafft!
Das Ticket kann ich nicht mit der Kreditkarte bezahlen. Also bringt mich der Busfahrer ganz selbstverständlich zu einer Bank, damit ich Bargeld holen kann.

 

An Bord
Am Luxusliner der Yanghze Gold Cruisers angekommen reinigt man meine Packtaschen!
Mein Fahrrad wird in einen Abstellraum in der Nähe des Kinos auf Deck 1 verfrachtet. An Bord befinden sich auch ein Gymnastikraum, ein Konferenzraum, ein Billard Club, eine Jogging track, einen Leseraum sowie eine Sauna, ein Swimming-Pool und ein Beauty Salon.
Der Landeplatz für einen Hubschrauber ist auf derselben Etage wie die Minigolfanlage, und die Commercial pedestrian street läd zum Bummeln ein  … –  wo bin ich hier gelandet?

Yanghze-Gold-Cruiser

Yanghze Gold Cruiser

Laut Lonely Planet sind die Orient Royal Cruisers etwas für Leute mit Zeit, Geld und vernachlässigbaren Chinesischkenntnissen …

Commercial-pedestrian-street

Commercial pedestrian street

Mein Gepäck wird in meine Kabine gebracht, die groß wie ein Hotelzimmer und mit Dusche und WC ausgestattet ist – alles tippitoppi. Es gibt einen Balkon für mich allein, auf dem zwei Stühle stehen. Wenn ich auf dem vorderen Bett liege, kann ich rausschauen, und der überdachte Balkon ermöglicht selbst im Regen draußen zu sitzen.
Und in dieser angenehmen Umgebung werde ich mich von Dienstag bis Samstag aufhalten und verwöhnen lassen, um die Erschöpfungs-Augenringe abzubauen.
Um 22.15 Uhr gehe ich endlich etwas essen und bin ganz allein in der Lounge. Die Mitarbeiter sind bereits in einem abschließenden Personalgespräch, und ich warte einen Augenblick auf mein Essen. In der Zwischenzeit erklärt mir die Chefstewardess das Verhalten in Notfallsituationen. Man spricht Englisch, wie schön!
Morgens um fünf soll das Schiff eigentlich ablegen, aber wegen dichten wetterbedingten Nebels wird es zehn Uhr.

 

Der Yanghze
Jangtsekiang 長江 bedeutet Langer Fluss. Das Quellgebiet des Yanghze liegt im Hochland von Tibet, und er mündet ins Ostchinesische Meer. Der Yanghze ist mit 6380 Kilometern, von denen 2800 Kilometer schiffbar sind, nach dem Nil und dem Amazonas der drittlängste Strom der Welt.

Auf-dem-Jangtse

Auf dem Yanghze

Die bekanntesten drei Schluchten des Yanghze, Qutang, Wuxia und Xiling, liegen zwischen Yíchāng und Chongqing; sie sind inzwischen durch den umstrittenen Bau des Drei-Schluchten-Damms geflutet, so dass ein 600 km langer Stausee entstanden ist.

 

Tribe of the three Gorges – Stamm der drei Schluchten
Der malerische Ort besteht hauptsächlich aus dem Dorf auf dem Wasser und zeigt das frühere Leben in den Schluchten am Yanghze.

Tribe-of-the-Three-Gorges

Dichtes Grün

Vor-Wasserfall

Wasserfälle bei Tribe of the Three Gorges

Wasserfall

Fantastische Landschaft

Frischwasserförderung

Hier wird Frischwasser gefördert

Chinese-guide

Unser Guide

 

Drei-Schluchten-Talsperre
Das Wasserkraftwerk der Drei-Schluchten-Talsperre wurde zwischen 1993 und 2008 errichtet und ist das größte der Erde, auch wenn es höhere und längere Talsperren und größere Stauseen gibt. Es ist eins der umstrittensten Bauwerke überhaupt, gab es doch millionenfache Zwangsumsiedlungen in den Überflutungsgebieten – dreizehn Städte, darunter auch die Tempelstadt Fengdu mit ihren archäologischen Stätten, sowie unzählige Dörfer sind untergegangen.
Der größte Teil der umgesiedelten Menschen waren Bauern, die auf das ertragreiche Schwemmland am Ufer des Yanghze verzichten und in die höherliegenden Gebiete ziehen mussten. Doch diese karstigen Hochlagen mit einem raueren Klima erbringen nur etwa ein Fünftel des Ertrages des Schwemmlandes. Auch viele Fischer verloren einen Teil ihrer Existenzgrundlage, da sich die Fischbestände in dem Stausee, der einst Stromschnellengebiet war, veränderten bzw. abnahmen.

Die ökologischen Beeinträchtigungen reichen vom Aussterben in diesem Gebiet endemisch und somit bedrohter Tier- und Pfanzenarten bis zum Austrocknen der Feuchtgebiete  durch fehlende regelmäßige Überschwemmungen.
Außerdem befindet sich die Talsperre in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet, soll aber angeblich einem Beben der Stärke 7 standhalten können.

Modell-der-Talsperre

Modell des Drei-Schluchten-Damms

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Schleusen am Damm

Am Staudamm überwinden wir in der Nacht in fünf Schleusen einen Höhenunterschied von 100 Metern, und das Quietschen des sich an der Schleusenwand reibenden Schiffes hält mich wach.

In-einer-der-fünf-Schleusen

In einer der fünf Schleusenkammern

Die Xiling-Schlucht ist mit 80 Kilometern die längste, aber am wenigsten eindrucksvoll, und wir durchfahren sie in der Nacht. Ich schiebe die Vorhänge zurück, und Scheinwerfer sind auf die Wand der Schlucht gerichtet.

Wu-Schlucht

In der Wu-Schlucht

Durch die Wu-Schlucht kommen wir morgens um sieben. Sie wird auch Hexenschlucht genannt und ist angeblich später im Jahr sensationell in Grün gehüllt.

 

Die Drei kleinen Schluchten

Wushan-Brücke

Die Wushan Brücke

Nördlich von Wushan befinden sich im Fluss Daning die Drei kleinen Schluchten, die mit Booten befahren werden können.
Wir haben Glück: Unser Reiseführer kommt aus dem alten Wushan und spricht gut Englisch. Das alte Wushan liegt 100 Meter tiefer und wurde überflutet. Er zeigt uns Fotografien; der Daning war einst ein reißender kleiner Fluss. Die Männer, die dort arbeiteten, zogen vom Ufer aus die Boote über die Stromschnellen, die es nun nicht mehr gibt.
Als der alte Ort – wie viele andere – aufgegeben wurde, führte das zu einer starken Verschmutzung des Yanghze.  Im Daning aber könne man heute noch baden.

Lesser Three Gorges

Mit einem Boot in die „Drei kleinen Schluchten“

Auf-dem-Boot

Auf dem Boot

Die kleinen Schluchten sind teilweise noch eindrucksvoller als die großen Schluchten des Yanghze. In den hohen und sehr dicht zusammen stehenden Felswänden sind einzelne Hängende Särge zu sehen. Vor 2000 Jahren wurden diese aus einem einzigen Stamm gefertigt und in Höhlen,  Felsspalten oder auf Felsvorsprünge gelegt.

Hanging coffin-Felswandgrab

Hängende Särge in der Felswand

Blick-in-Schlucht

Blick in eine der kleinen Schluchten

Drei-kleine-Schluchten

Durchfahren einer kleinen Schlucht

Die letzte der drei Yanghze-Schluchten ist acht Kilometer lang. Mit steil zu beiden Seiten abfallenden bis zu 1200 Meter hohen Bergwänden, aus denen bizarre Klippen ragen, schiebt sich die Qutang-Schlucht dramatisch ins Blickfeld. Sie ist die kürzeste, engste und schönste der drei Schluchten. Es gibt schwindelerregende Blick auf mächtige Felsformationen und Gesteinsschichten, wenn auch das steigende Wasser der Schlucht einiges von ihrer Kraft geraubt hat.

Qutang-Schlucht

Kuimen – das Tor zur Qutang Schlucht

 

Die Stadt des Weißen Kaisers
Für den Besuch der Stadt des Weißen Kaisers habe ich eine Einzelführung durch eine 22jahrige, da niemand sonst eine englischsprachige Führung wünscht; außer mir sind nämlich nur Chinesen dabei. Wir erreichen die Stadt nach einer kurzen Busfahrt.
Es heißt, das Gebiet sei einst von weißem Nebel umgeben gewesen, der ihm ein mysteriöses doch friedliches Aussehen verliehen hätte, ganz so, wie ein Kaiser aussehen sollte. Es heißt auch, dass man von dort einen weißen Drachen hätte kommen gesehen, das Symbol des Kaisers. Der Kriegsherr Gongsun Shu hielt dies für ein glücksbringendes Zeichen, gründete die Stadt und nannte sich selbst Der Weiße Kaiser. Die Bauwerke der alten Stadt liegen heute wegen des Drei-Schluchten-Dammes auf einer kleinen Insel.

Tempel-des-Weißen-Kaisers

Tempel des Weißen Kaisers

Stadt-des-Weißen-Kaisers

Auf der Insel der Stadt des Weißen Kaisers

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In der Stadt

10-Yuan-Schein

Die Westansicht der Schluchten ist auf der chinesischen 10 Yuan-Note abgebildet.

Zu zweit sind wir relativ schnell durch mit unserem Rundgang, warten auf die anderen und klönen.

Reiseleitung

Meine englischsprachige Reiseleitung

Auf einmal sehen wir den Bus wegfahren. Die Reiseleiterin rennt hinterher und telefoniert gleichzeitig mit ihrer Kollegin im Bus, woraufhin dieser hält und uns aufnimmt. Alle grinsen uns an, und zumindestens ihr ist es sehr unangenehm …

 

Fengdu, Stadt der Geister
Am nächsten Tag erkunde ich die kleine Stadt Fengdu, die am nördlichen Yanghze-Ufer liegt.
Sie wurde im Zuge der Aufstauung um 2007 vollständig überflutet, ihre etwa 100.000 Bewohner wurden in neu gebaute höher gelegene Ansiedlungen am Fluss zwangsweise umgesiedelt.
Den Namen Stadt der Geister erhielt sie jedoch, da sie für viele Chinesen als der Sitz des Königs der Unterwelt gilt. In Fengdu gibt es zahlreiche höher liegende Tempel zu besichtigen, die dem Höllenkönig und verschiedenen anderen Göttern des daoistischen Pantheons geweiht sind. Diese historischen Bauwerke liegen zum Glück über dem hochgestauten Wasserstand und werden weiterhin gezielt für den Tourismus genutzt.

 

Brücke-der-Hilflosigkeit

Brücke der Hilflosigkeit, die jede Seele überqueren muss, ehe sie die Unterwelt betritt

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In einem der 75 Tempel

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Im Tempel

Heimschau-Pavillon

Heimschau Pavillon

Den Heimschau Pavillon muss jede Seele auf der Reise in die Unterwelt passieren. Von dort kann man seine Familie und Lieben in der Welt der Lebenden noch einmal sehen.

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Buddha Figur

In-einem-Tempel

In einem der Tempel

In-Fengdu

In Fengdu

Zurück-auf-das-Schiff

Zurück auf das Schiff

Zurück-an-Bord

Nach all den Geistern genehmige ich mir einen Schluck Sekt an Bord

 

Chongqing
Gegen 3 Uhr nachts legen wir bei krachendem  Gewitter und starken Regenschauern in Chongqing an.
Es gibt noch Frühstück an Bord, und danach wir verabschieden uns. Die Engländer, mit denen ich die Mahlzeiten an Bord eingenommen habe, werden nach Hause zurückfliegen.

Beim-Essen

Gemeinsames Essen mit englischem Paar

Chongqing ist eine Millionenmetropole am Zusammenfluss von Yanghze und Yialing. Berücksichtigt man ausschließlich die administrativen Stadtgrenzen, so ist Chongqing die größte Stadt der Welt. In der Kernstadt selbst leben aber nur viereinhalb Millionen Menschen …
Ein Blick aus meiner Kabine sorgt nicht unbedingt für einen guten ersten Eindruck.

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Blick aus meiner Kabine auf Chongqing

Blick-auf-Chongqing

Chongqing vom Schiff gesehen

Das Auschecken ist schwer, aber ich bekomme tatkräftige Unterstützung. Vom Schiff bis zum eigentlichen Hafen muss ich noch einige Stufen hoch, und freundliche Menschen helfen mir beim Tragen meines beladenen Fahrrads.

Überflutete-Straßen-in-Chongqing

Überflutete Straßen in Chongqing

Es muss hier nur so geschüttet haben, denn viele Straßen sind überflutet. Ich beschließe, umgehend loszufahren, um so schnell wie möglich aus dieser Riesenstadt herauszukommen und verlasse nun den Yanghze.

 

2 Gedanken zu „Auf dem Jangtsekiang – von Yíchāng 宜昌市 nach Chongqing 重庆

  1. Leni

    Hallo Frank.
    Katrin hat mir heute Morgen deine Adresse gemailt. Ich hatte sie schon mal, aber beim Wechsel von Windows XP auf Windows 7 auf meinen neuen Laptop ist so einiges verloren gegangen. Jetzt habe ich deine spannenden Erlebnisse in China über eine Stunde verfolgt und bin stark beeindruckt. Ich bin gespannt auf deine weiteren Reiseberichte. Vielen Dank, dass wir dich auf diese Art auf deiner Tour beleiten können.
    Ich wünsche dir weiterhin eine spannende Reise und grüße dich aus Celle, wohin du hoffentlich irgendwann wohlbehalten zurückkommen wirst.
    Leni

    Antworten
    1. Adolf Timmermann

      Hallo, Frank,
      vielen Dank für deinen lehrreichen, unterhaltsamen, kritischen und ausführlichen Bericht vom 25. Apriil 2014 über die Fahrt auf dem Jangtsekiang. Deine Beschreibungen halte ich aus diesen Gründen auch für den Einsatz im Erdkunde-Unterricht geeignet. Ich habe in den letzten Tagen schon auf Neueingang gewartet.
      Immer wieder bin ich beeindruckt von der Schönheit der Landschaft, den Bauwerken und der Freundlichkeit der Menschen.
      Beeindruckt hat mich auch der Luxus auf dem Kreuzfahrtschiff. (Vor kurzem habe ich auch die Gelegenheit gehabt zu einer Kreuzfahrt. Das Schiff war nicht so groß, der Fluss nicht so lang und die Anzahl der Mitreisenden eher übersichtlich. Es ging um eine Paddeltour auf der Lachte von Jarnsen bis Celle).
      Von der Planung des riesigen Stausees habe ich schon vor mehreren Jahren gehört. Schon damals sah man das Projekt sehr kritisch. Alles ein wenig sehr bedenklich.
      Hier in Celle geht alles seinen Gang.
      Die Schule hat endlich wieder begonnen. Lehrkörper und Lernende sind wieder in ihrem Element. Leider wierden die schwungvollen Lernprozesse durch lästige Feiertage, völlig überflüssige Brückentage und die ohnehin quälend langen Wochenenden immer wieder unterbrochen… und dann erst die vielen Ferien. Welch eine Verschwendung von Lehr- und Lernkapazitäten. Was könnte man in dieser Zeit schulisch alles schaffen?
      Lieber Frank, wir wünschen dir weiterhin eine unbeschwerte Fahrt bei guter Luft mit freundlichen Begegnungen. „Hol di furchtich“. Wir wünschen dir auch Achsenbruch und Reifenplatt (Du weißt ja, die bösen Geister machen dann das Gegenteil).
      Wir freuen uns auf deinen nächsten Artikel.
      Viele Grüße und alles Gute wünschen dir die Wietzenbruch-Gang Adolf, Leni, Kathrin und Felix

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